Freigang – ja oder nein?
Last modified on 2009-01-24 07:48:49 GMT. 22 comments. Top.
Gestern Abend wurde ich wieder einmal gefragt was denn nun richtig und für Katzen artgerechter wäre, ein Leben als Wohnungskatze oder streunender Freigänger? Fast keine andere Frage spaltet die Katzenhalter-Gemeinschaft, wie diese, außer vielleicht noch die nach der ultimativen Katzenstreu
Ich kann mir (fast) nichts schöneres vorstellen als Katzen die über grüne Blumenwiesen tollen, aber das hat mit der Realität vielerorts leider genauso wenig zu tun wie die Wörter “Fastfood” und “gesund” im selben Satz. Seien wir doch mal realistisch. Wo hat man denn noch unberührte Wiesen, meilenweit keine Autos, keine Straßen, keine Katzen hassenden Mitbürger (ja die gibt es wirklich und die waren in ihrem früheren Leben bestimmt eine Maus!
), etc.? Ja wo? Vielleicht auf der ein oder anderen Bergalm, aber da der Großteil von uns nunmal in Städten und Dörfern wohnt, sieht man sich als zukünftiger Katzenhalter früher oder später mit der Frage konfrontiert “Kann und darf Miezi draußen stromern gehen? Wird sie etwas vermissen wenn sie als Sofatiger bei mir lebt?”
Zugegeben, ich bin kein großer Fan von Freigang in der heutigen Zeit, da ich diesen für unverantwortlich halte, dennoch werde ich versuchen das Pro und Kontra aufzuzeigen
Fangen wir mit den Argumenten der Pro Freigang Fraktion an:
- In freier Wildbahn geborene Katzen kann man nicht einsperren, denn wenn eine Katze mit Freigang großgeworden ist, wird sie mit Wohnungshaltung nicht glücklich, womöglich randaliert sie oder wird sogar krank.
- Eine Katze in Wohnungshaltung ist nur wenigen Umweltreizen ausgesetzt, ihre Sinne werden nicht trainiert und sie wird geistig nicht gefordert.
- Nur in freier Natur kann eine Katze ihren Jagdtrieb voll und ganz ausleben indem sie Mäuse und Insekten fängt. Dies kann von keinem Spielzeug ersetzt werden.
Und hier die Argumente der Kontra Freigang Fraktion:
- Eine Katze, die sich einmal an Freigang gewöhnt hat, ist meist nicht mehr bereit darauf zu verzichten. Was passiert nun aber nach einem Wohnungswechsel, wenn kein Freigang mehr möglich ist? Nicht wenige Katzen landen deswegen leider im Tierheim und beim Tierschutz.
- Auf Streifzügen lauern zahlreiche Gefahren wie z. B. scharfe Hunde, Parasiten, Krankheiten, Gifte, usw. die insbesondere für unerfahrene Freigänger tödlich sein können. Ebenso ist der Straßenverkehr für zutrauliche und unerfahrene Tiere lebensgefährlich, laut Statistik werden in ländlichen Gegenden mehr Katzen überfahren als in Städten! Man muss also lernen mit der Angst zu leben, dass die geliebte Fellnase eines Abends vielleicht nicht mehr nach Hause kommt…
- Durch die vielen Gefahren und Revierkämpfe, die auf Freigänger lauern, muss der Mensch mit höheren Tierarztkosten rechnen. Es muss öfters entwurmt, gegen Parasiten behandelt und die ein oder andere Verletzungen versorgt werden, außerdem wird ein umfangreicherer Impfschutz benötigt.
- Parkende Autos scheinen Katzen magisch anzuziehen, denn an heißen Tagen spenden diese Schatten, während der warme Motorblock bei Kälte als Heizung dient. Katzen können auch von unten in den Motorraum klettern und sich ihr Fell mit giftigen Öl verunreinigen, außerdem kann dies auch zur tödlichen Falle werden, wenn der Motor gestartet wird. So manche Nachbarn und Autobesitzer sind auch nicht sonderlich erfreut, wenn Miez auf deren Auto rumturnt.
- Einige vermeintliche “Katzenfreunde” nehmen zutrauliche Katzen auch einfach mit, oder die Katze sucht sich ohne ersichtlichen Grund plötzlich ein neues Zuhause bei den Nachbarn, so ist z. B. unser Don Nero Corleone zu uns gekommen, wobei der einen ersichtlichen Grund hatte: Vernachlässigung und Nichtbeachtung durch die eigentlichen Dosis.
- Es gibt leider sogar einige Hundehalter, die ihre Tiere auf Katzen abrichten. So erging es auch unserem Don, nachzulesen unter Wenn ich den noch ein eniziges Mal erwische….
- In ländlichen Gegenden ist der Abschuß von “streunenden” Katzen durch Förster möglich, bei uns praktiziert das sogar die Polizei, siehe auch Gar keine schöne Geschichte… und Nachtrag zu “Gar keine schöne Geschichte…”.
- Unkastrierte Kätzinnen können unerwünschten Nachwuchs bekommen. Unkastrierte Kater können sich bei Revierkämpfen verletzen. Außerdem können Krankheiten wie z.B. Leukose und FIP oder Parasiten übertragen werden. Katzen/Kater sollten grundsätzlich nur kastriert Freigang bekommen.
- In der Natur der Katze liegt es zu jagen, deswegen wird sie auch in der Nachbarschaft Singvögeln und anderen Tieren nachstellen, was bei vielen Nachbarn Unmut und vielleicht sogar Maßnahmen gegen Miezi erzeugen kann.
- Für mich persönlich ist leider einer der wichtigsten Kontra Gründe, dass immer noch zu bestimmten Zeiten und in gewissen Gegenden verstärkt Katzenfänger unterwegs sind, die Versuchsanstalten, etc. beliefern. Als Deckmantel werden oft Altkleidersammlungen von weniger bis gar nicht bekannten Organisationen benutzt, dies kann man auch auf Haustierdiebstahl in Deutschland nachlesen.
Ich selbst habe das ganze leider auch schon miterleben müssen. Eine meiner Freundinnen hat jahrelang mit ihrer Familie eine private Pflege- und Vermittlungsstation für ausgesetzte und herrenlose Katzen auf dem eigenen Grundstück betrieben. Sie wohnten zu diesem Zeitpunkt in einer ruhigen ländlichen Gegend, jeder kannte jeden. Irgendwann sah man vermehrt unbekannte Gesichter ums Grundstück schleichen und einen weißen Transporter. Wir dachten uns zuerst nichts dabei, da immer mal wieder Spaziergänger vorbeikamen, da das Grundstück nahe eines beliebten Wanderweges lag. Eines Abends jedoch, es war so gegen 22:30 Uhr, schlugen die Hunde im Wintergarten an und keiften Richtung Katzenhaus. Wir rannten sofort in den Garten, kamen allerdings leider zu spät. Wir konnten gerade noch sehen wie zwei Personen in den weißen Transporter sprangen, den wir Tage zuvor gesehen hatten, und davon rasten. Diese Typen hatten tatsächlich das Katzenhaus aufgebrochen und alle Tiere, die nicht entwischt waren mitgenommen. Wir waren damals so dumm und haben uns Tage zuvor leider nicht das Nummernschild notiert, obwohl uns der Transporter komisch vorkam, passiert uns sicherlich auch nicht wieder. Die hinzugerufene Polizei konnte auch nichts rausfinden und die Befragung der Nachbarn ergab genauso wenig. Der Fall wurde irgendwann at akta gelegt.
Die Alternativen zum Freigang:
- Katzensicherer Garten/Balkon/Fenster
Einen katzensicheren Garten kann sich nur leisten wer Haus und Garten besitzt. Der Bau verschlingt natürlich einiges an Kosten, Zeit und Platz, bietet der Katze aber ein kleines bisschen Freiheit mit geringem Risiko. Ein gesicherter Balkon (Der anti-katzische Schutzwall bzw. mr. Voorhees’s Raucherknast) oder ein gesichertes Fenster ist für reine Wohnungskatzen durchaus eine willkommene Alternative, denn auch hier kann man sich den Wind um die Schnurrhaare wehen lassen und so manchem Insekt nachstellen.
- Der Spaziergang an der Leine
Einige Katzen lassen sich sehr leicht an eine Leine gewöhnen und man kann sie somit unter Aufsicht “spazierenführen”. Dies sollte man aber nicht mit einem Hunde Spaziergang vergleichen, denn die Katze bestimmt voll und ganz, wo und wie es lang geht. Es wird geschnuppert, geklettert, Insekten gefangen oder einfach nur relaxed. Dosi wird so gut wie nicht beachtet und hat vermutlich auch nicht viel zu melden
Man sollte allerdings immer in Hausnähe bleiben, da Mieze ein Gewohnheitstier ist und man ihr keinen Gefallen tut, wenn man ihr “zur Abwechslung” ständig neue Gegenden präsentiert. Wer sich hierzu entschliesst, muss sich darüber im Klaren sein, dass sich die Katze daran gewöhnt und falls es ihr gefällt, auf derartige Ausflüge besteht. Einen sehr schönen Beitrag hierzu gibt es bei Melly Cats: Katzen an die Leine gewöhnen
Mein Fazit:
Ob Wohnungshaltung oder Freigang die bessere Wahl ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich selbst allerdings habe mich für reine Wohnungshaltung entschieden und habe deswegen keinerlei Gewissensbisse. Da wir einen Balkon haben und unser Vermieter so nett war uns die Vernetzung zu genehmigen, dürfen sich unsere Stubentiger unter Aufsicht den Wind um die Schnurrhaare wehen lassen. Sie nutzen dieses Angebot sehr gern und im Sommer sitzen wir sowieso fast nur auf unserem Balkon
Sollten wir irgendwann mal ein Haus mit Grundstück haben, werden wir unseren Traum verwirklichen und unseren Miezen ein gesichertes Freigehege bauen, welches sie jederzeit vom Haus aus über eine Verbindung betreten können.
Jedem, der mich bis jetzt gefragt hat, habe ich vom Freigang aus den oben genannten Gründen abgeraten. Reine Wohnungskatzen leben nicht weniger glücklich, wenn man ihnen eine katzengerechte Wohnung sowie viel Fürsorge und Abwechslung bietet.
Wer sich für die Wohnungshaltung entscheidet, sollte sich aber auf jeden Fall gleich zwei Stubentiger ins Haus holen. Dies ist sehr wichtig, da Katzen hingegen der landläufigen Meinung keine Einzelgänger sind! (es gibt nur wenige Ausnahmen) Zwei Katzen kosten auch nicht mehr als eine und wie schlimm muss es sein, wenn man irgendwo leben muss und niemanden hat mit dem man sich in seiner Sprache unterhalten kann?
Ich hoffe das hilft jetzt einigen zukünftigen Katzenmamas und -papas. Bei Fragen, Anregungen und Kritik könnt ihr euch gern per Kommentar melden










